Eine Gewerkschaftswoche mit demokratischem Bündnistag und ein bisschen Gartenerde an den Stiefeln. Telekom-Streik, NGG-Solidarität bei Rotkäppchen, 1.-Mai-Infostand in Naumburg – und zwischendurch die Schubkarre. Ein Rückblick auf KW 18.
Manche Wochen ergeben sich von selbst zu einer Geschichte. Diese hier ist eine. Im Kern war es eine Gewerkschaftswoche – und sie fiel zufällig genau auf den 1. Mai, den Tag der Arbeit. Das ist mehr als Symbolik, wenn man in derselben Woche zweimal im Streikgeschehen steht: einmal als unmittelbar Betroffener bei der Telekom, einmal als Solidaritätsgast bei der Lebensmittelgewerkschaft NGG vor den Toren der Rotkäppchen-Sektkellerei in Freyburg.
Dazwischen, davor und danach lag Wahlkampf in seiner ruhigeren Form: ein parteiübergreifender Infostand am Markt in Naumburg, eine Online-Schulung der Linken, das Flyern in einer weiteren Gemeinde des Wahlkreises – und, weil alles seinen Platz braucht, zwei Tage Schrebergarten.
Montag – Kreistag fällt aus, Schubkarre dafür
Eigentlich hätte der Montag mit der Sitzung der Kreistagsfraktion SPD/Die Linke begonnen. Sie fiel aus, weil der Kreistag selbst ausgefallen ist. So ein freier Termin auf einem Montag im April fühlt sich erst einmal seltsam an – wenn man mehrere Wochen mit jeder Stunde rechnet, kommt einem unverhofft frei gewordene Zeit fast verdächtig vor. Bis man im Garten steht.
Genau dort verbrachte ich den Tag. Nicht aus politischer Symbolik, sondern weil es im Frühjahr Dinge gibt, die sich nicht verschieben lassen – Beete, die jetzt vorbereitet werden müssen, wenn im Sommer etwas wachsen soll. Aussäen ist ein guter Anfang in eine Wahlkampfphase, in der ab Mai die Drehzahl wieder steigt. Wer nichts in die Erde bringt, kann später nichts ernten – auch politisch nicht.
Mittwoch Vormittag – Telekom-Streik: Kein Solidaritätsbesuch, sondern mein Streik
Am Mittwochmorgen war ich nicht als Politiker dabei, sondern als Mitarbeiter. Bei der Telekom läuft eine Tarifrunde, bei der ver.di für Beschäftigte wie mich verhandelt – und an diesem Mittwoch ist es zum Warnstreik gekommen. Ich war einer der Streikenden.
Das ist ein Unterschied, den ich öffentlich betone, weil er die ganze Erzählung verändert. Es gibt Politiker:innen, die Streikposten besuchen, um Solidarität zu zeigen, Selfies machen und wieder fahren. Das ist nicht falsch – Solidaritätsbesuche helfen den Streikenden. Aber es ist eine andere Rolle als die, in der ich an diesem Tag stand: vor dem eigenen Arbeitgeber, in der eigenen Tarifrunde, mit dem eigenen Lohn als Gegenstand der Verhandlung.
Mein Werdegang führt 1993 zu meiner Ausbildung als Kommunikationselektroniker zurück, der dann über die Telekom-Hotline bis zum heutigen Job als Data Scientist im Telekom-Konzern reicht. Die Telekom war über Jahrzehnte mein Arbeitgeber, und in jeder dieser Phasen war ver.di an meiner Seite. Wenn jetzt jemand glaubt, gewerkschaftliche Politik könne man so nebenbei aus dem Lehrbuch machen – der täuscht sich. Sie funktioniert nur, wenn die, die sie machen, wissen, wie es sich anfühlt, in der Tarifrunde zu stehen, wenn am Monatsende die Miete fällig ist.
Der Streik selbst war geordnet, kämpferisch und gut besucht. Mehr will ich an dieser Stelle nicht zu konkreten Forderungen schreiben, weil das Tarifgeschehen läuft und Verhandlungen nicht über Blogartikel geführt werden. Wer mehr wissen will, findet die Position bei ver.di.
Mittwoch Nachmittag – Online-Schulung der Linken
Am Nachmittag dann ein Wechsel des Aggregatzustands: vom Streik in den Online-Schulungsraum. Eine bundesweite Schulung der Partei, in der es um inhaltliche und kommunikative Vorbereitung auf die anstehenden Landtagswahlen ging – Sachsen-Anhalt ist eines der Wahljahr-Länder, neben Mecklenburg-Vorpommern und anderen.
Dass am selben Tag Streik und Parteischulung stattfinden, ist Zufall im Kalender, aber kein Zufall in der Sache. Die Linke positioniert sich nicht zufällig auf der Seite der Beschäftigten – das ist ihr Markenkern. Aber Markenkern allein reicht nicht; man muss ihn auch kommunizieren können. Genau darum ging es an diesem Nachmittag.
Donnerstag – Streikunterstützung NGG bei Rotkäppchen
Am Donnerstag war ich in Freyburg an der Unstrut, vor der Rotkäppchen-Sektkellerei. Die Beschäftigten, organisiert in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), sind in den Arbeitskampf eingetreten. Anders als am Vortag stand ich diesmal nicht als unmittelbar Betroffener vor dem Werktor, sondern als Solidaritätsgast: als ver.di-Mitglied einer anderen Branche, als Linke-Direktkandidat, als Bürger des Burgenlandkreises.
Rotkäppchen ist nicht irgendein Betrieb. Die Sektkellerei ist einer der größten und bekanntesten Arbeitgeber im Burgenlandkreis, ein Stück industrielle Identität der Region und eine der wenigen ostdeutschen Marken, die die Wende nicht nur überlebt, sondern danach groß geworden sind. Wenn dort gestreikt wird, ist das ein Signal: Wirtschaftlicher Erfolg eines Unternehmens muss bei den Beschäftigten ankommen, nicht nur bei den Eigentümern.
Quergewerkschaftliche Solidarität – also Beschäftigte einer Branche, die Streikende einer anderen Branche unterstützen – ist eines der wichtigsten und gleichzeitig leisesten Instrumente der Arbeiterbewegung. Sie zeigt: Auch wenn unsere Tarifverträge unterschiedliche Branchen betreffen, kämpfen wir gegen denselben Mechanismus. Wer als Telekom-Streikender am Mittwoch die NGG am Donnerstag nicht unterstützen würde, hätte das Prinzip nicht verstanden.
Ich werde diese Woche keinen Sekt trinken.
Freitag, 1. Mai – Infostand am Markt in Naumburg
Der 1. Mai fiel in diesem Jahr auf einen Freitag, was die Logistik vereinfacht hat. Auf dem Markt in Naumburg standen wir gemeinsam an einem Infostand: Bündnis 90/Die Grünen, SPD, Tierschutzpartei und wir von der Linken. Vier Parteien an einem Tisch, am Tag der Arbeit, in der Innenstadt einer Kreisstadt im Burgenlandkreis.
Das ist nicht selbstverständlich. Die vier Parteien stehen in vielen Fragen nicht zusammen, und es wäre falsch, das wegzuretuschieren. Aber sie haben einen gemeinsamen Boden: ein demokratisches Grundverständnis, das sich am Tag der Arbeit ausdrücklich auf die Tradition der Arbeiterbewegung beziehen lässt, ohne sich gegenseitig auf den Füßen zu stehen. Und einen gemeinsamen Gegner, dessen Aufstieg im Burgenlandkreis besonders sichtbar ist und der in Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl im September mit erheblicher Stimmenstärke antritt.
Was an einem solchen Stand passiert, ist – wenn man es nüchtern beschreibt – wenig spektakulär: Gespräche, Flyer, Kaffee, mehr Gespräche. Aber das Bild zählt. Wer am 1. Mai am Markt in Naumburg vorbeigeht und sieht, dass demokratische Parteien gemeinsam dort stehen statt übereinander herzuziehen, nimmt etwas mit. Und wer dort stehenbleibt, wird ernsthaft gehört – egal, mit welcher Frage.
Mit den Kolleginnen und Kollegen der drei anderen Parteien gab es viele gute Gespräche – über Naumburg, über Sachsen-Anhalt, über Wahlkampfthemen, in denen wir uns einig sind, und über solche, in denen wir uns nicht einig sind. Beides ist möglich, ohne sich gegenseitig die Demokratie zu bestreiten. Das ist eine Botschaft für sich.
Samstag – Schrebergarten
Nach dem Trubel der Wochenmitte war der Samstag wieder Garten. Ein Schrebergarten ist ein guter Ort, um den Kopf zu sortieren. Man kann nichts erzwingen – Saatkörner halten sich nicht an Wahlkampfzeitpläne, und das ist gut so. Wer im Frühjahr Geduld lernt, kann sie im Sommer brauchen.
Sonntag – Vier Ortsteile in der Gemeinde Meineweh
Der Sonntag führte mich in die Gemeinde Meineweh am südwestlichen Rand des Burgenlandkreises. Meineweh gehört zu jenen Gemeinden im Wahlkreis 40, in denen ein Direktkandidat vermutlich nicht erwartet wird – genau deshalb fahre ich hin. Innerhalb der Gemeinde gibt es mehrere Ortsteile, jeden mit eigenem Charakter. An diesem Nachmittag habe ich vier davon abgearbeitet: Quesnitz, Priesen, Meineweh selbst und Thierbach.

Quesnitz – erster Ortsteil am Sonntagnachmittag, Windkraftanlage am Horizont.
Quesnitz ist klein und ländlich; der Winterdienst-Hinweis am Ortsschild gehört zu den ganz konkreten Realitäten, in denen sich Land- und Stadtleben unterscheiden. Wer hier wohnt, weiß, dass er im Februar selbst Schippe nehmen muss.

Priesen – zweite Station, mit Tempo-30-Zone und einem alten Hofgebäude.
Priesen wirkt verschlafener, die Backsteingebäude erzählen von einer Zeit, in der das Dorf größer war oder zumindest präsenter. Solche Orte sind in unserem Wahlkreis kein Einzelfall – und genau hier entscheidet sich, ob Politik überhaupt noch ankommt.

Meineweh – der namensgebende Hauptort der Gemeinde.
Meineweh selbst ist die Mitte – nicht groß, aber lebendig. Hier sitzt die Gemeindeverwaltung, hier laufen die Fäden zusammen. Zwischen Quesnitz und Thierbach liegt der Hauptort als ruhiges Zentrum.

Thierbach – die letzte Ortsschild-Station des Tages.
Thierbach liegt am östlichen Rand der Gemeinde. Bis hierhin hatte die Sonne sich durchgesetzt, und das Land öffnet sich nach Süden hin. Es war ein Tag, an dem man sich fragt, warum man eigentlich nicht öfter zwischen den Dörfern herumläuft.

Pause am späten Nachmittag – ein Dorfteich am Ende der Tour.
So sah es am späten Nachmittag aus. Vier Ortsteile abgearbeitet, der Briefkasten-Stapel leichter, das Tageslicht weicher. Wahlkämpfen ist zu großen Teilen genau das: Da sein. Sichtbar werden. Ohne Anspruch, sofort verstanden zu werden.
Fazit – die Woche, in der vieles zusammenkam
Streiken, stützen, Bündnis, säen – die vier Worte über diesem Bericht beschreiben nicht vier voneinander getrennte Modi, sondern vier Aspekte derselben politischen Haltung. Wer für Beschäftigte Politik machen will, kann sich in der Tarifrunde nicht raushalten. Wer für Demokratie steht, muss am 1. Mai mit denen stehen, mit denen er sich diese Demokratie teilt – auch mit denen, mit denen er ansonsten streitet. Und wer im September Stimmen ernten will, muss im Frühjahr aussäen. Im Garten und auf dem Land.
Ab Montag wieder volle Drehzahl. Die nächste Woche bringt unter anderem Etappen der Tour, die ich noch nicht angekündigt habe, einen Termin im Kreistag, der hoffentlich nicht ausfällt, und das eine oder andere Gespräch, von dem ich nächste Woche berichten werde.
Bis dahin.
— Michael Scholz, Direktkandidat Die Linke, Wahlkreis 40 (Naumburg)