Mieten werden erhöht, Löhne nicht – Was das für Sachsen-Anhalt bedeutet

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23. Februar 2026 · Michael Scholz · Lokalpolitik

Ich lebe in Naumburg, im Burgenlandkreis. Die Mieten hier liegen bei rund 6,50 bis 6,90 Euro pro Quadratmeter. Das klingt im Vergleich zu Berlin oder München nach wenig.

Aber der Vergleich ist falsch.

Denn es kommt nicht darauf an, was die Miete kostet – sondern darauf, wie viel vom Einkommen übrig bleibt, nachdem sie bezahlt ist. Und genau hier wird es für Sachsen-Anhalt bitter.

Die Lage: Niedrige Löhne, steigende Mieten

Sachsen-Anhalt hat eines der niedrigsten Einkommensniveaus in ganz Deutschland. Der Medianverdienst liegt bei 39.750 Euro brutto im Jahr – laut SD Worx Gehaltsreport 2025 das zweitniedrigste aller Bundesländer. Zum Vergleich: In Hamburg sind es 52.000 Euro, in Hessen über 50.000 Euro. Das ist ein Unterschied von mehr als 10.000 Euro pro Jahr.

Gleichzeitig steigen die Mieten. Die durchschnittliche Angebotsmiete in Sachsen-Anhalt liegt aktuell bei 6,60 Euro pro Quadratmeter – ein Plus von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr (ImmoScout24 Mietspiegel, Q1 2026). In den Städten ist es deutlich mehr:

Drei bis vier Prozent Steigerung klingt nach wenig? Nicht, wenn das Einkommen gleichzeitig stagniert.

Infografik: Durchschnittsmiete Sachsen-Anhalt 6,60 €/m², Medianeinkommen 39.750 € vs. Hamburg 52.000 €. Fast jeder 5. Job wird unter dem neuen Mindestlohn bezahlt.

Die Schlüsselzahl: 34,5 Prozent

Wie gravierend das Problem ist, zeigt eine Zahl, die viele überraschen dürfte: In Magdeburg liegt die Mietbelastungsquote bei 34,5 Prozent des Einkommens. Das bedeutet: Wer in Magdeburg zur Miete wohnt, gibt im Schnitt mehr als ein Drittel seines Einkommens allein für die Miete aus.

Zum Vergleich: In München liegt die Quote niedriger. Ja, richtig gelesen. Die Stadt mit den höchsten Mieten Deutschlands hat eine geringere Mietbelastung als unsere Landeshauptstadt – weil dort auch die Einkommen deutlich höher sind. (Quelle: QUIS Mietbelastungsanalyse, Angebotsmieten 2021, veröffentlicht April 2024)

Sachsen-Anhalt hat zudem mit 2,0 Prozent die zweithöchste Wohngeldquote aller Bundesländer – der Bundesdurchschnitt liegt bei 1,4 Prozent. Und vor Wohngeld liegt die Wohnkostenbelastung bei über 40 Prozent des verfügbaren Einkommens. Das heißt: Ohne staatliche Unterstützung könnten sich viele Menschen das Wohnen schlicht nicht mehr leisten.

Große Zahl 34,5 % – Mietbelastungsquote in Magdeburg (QUIS 2021). Höher als in München. Darunter: 40,3 % Wohnkostenbelastung vor Wohngeld.

Das Lohnproblem hinter dem Mietproblem

Wohnen wird nicht nur teurer, weil die Mieten steigen. Es wird vor allem deshalb unbezahlbar, weil die Löhne nicht mithalten. Und hier hat Sachsen-Anhalt ein strukturelles Problem.

Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt vom 28. November 2025 werden rund 164.000 Arbeitsplätze in Sachsen-Anhalt unter dem neuen gesetzlichen Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde bezahlt. Das sind 19,7 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse – fast jeder fünfte Job.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Menschen, die morgens aufstehen, zur Arbeit gehen und abends trotzdem rechnen müssen, ob sie heizen oder einkaufen. Menschen, für die eine Mieterhöhung von 30 oder 40 Euro im Monat den Unterschied macht zwischen „es reicht gerade so“ und „es reicht nicht mehr“.

Was sich ändern muss: Fünf Forderungen

Wohnen ist keine Ware. Wohnen ist ein Grundrecht. Wenn wir das ernst meinen, brauchen wir politische Maßnahmen – auf Landes- und auf Bundesebene:

1. Landesweiten Mietendeckel für Sachsen-Anhalt einführen. Mietpreisbremsen greifen nur dort, wo sie gelten. Sachsen-Anhalt braucht ein eigenes Instrument, das Mieterhöhungen wirksam begrenzt – gerade in den wachsenden Städten.

2. Sozialen Wohnungsbau massiv ausbauen. Nicht als freiwillige Leistung, sondern mit verbindlicher Quote für die Kommunen. Wer baut, muss auch bezahlbaren Wohnraum schaffen.

3. Wohngeld automatisch auszahlen. Wer Anspruch hat, soll nicht erst einen Antrag stellen und wochenlang warten müssen. Ein proaktiver Sozialstaat informiert und zahlt – automatisch.

4. Spekulation mit Wohnraum stoppen. Leerstandsabgabe einführen, Bodenspekulation eindämmen, kommunales Vorkaufsrecht stärken. Wohnraum gehört in die Hände derer, die darin leben.

5. Höhere Löhne durch Stärkung der Tarifbindung. Das Mietproblem ist auch ein Lohnproblem. Wer die Mieten senken will, muss auch die Löhne anheben. Das geht über starke Tarifverträge, eine höhere Tarifbindung und einen Mindestlohn, der zum Leben reicht.

Fünf Forderungen: 1. Mietendeckel für Sachsen-Anhalt, 2. Sozialer Wohnungsbau ausbauen, 3. Automatisches Wohngeld, 4. Spekulation stoppen, 5. Höhere Löhne durch Tarifbindung. Wohnen ist Grundrecht, keine Ware.

Was das für den Burgenlandkreis bedeutet

Im Burgenlandkreis kommen mehrere Faktoren zusammen: niedrige Löhne, wenig Industriearbeitsplätze, schlechte ÖPNV-Anbindung – und eine Verwaltung, die bereits am Limit arbeitet. Wer hier lebt und wenig verdient, hat kaum Ausweichmöglichkeiten.

Die vergleichsweise niedrigeren Mieten auf dem Land dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Belastung relativ zum Einkommen genauso hoch ist wie in den Städten. Bezahlbares Wohnen ist kein städtisches Thema – es betrifft den gesamten ländlichen Raum.

Eure Erfahrungen

Wie sieht es bei euch aus? Ist die Miete bei euch noch bezahlbar – oder wird es jeden Monat enger? Habt ihr Erfahrungen mit Mieterhöhungen, Wohngeld-Anträgen oder der Wohnungssuche in der Region?

Schreibt mir – hier in den Kommentaren, oder auf meinen Social-Media-Kanälen:

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Quellen: